Wolken, Sandsteinfassaden und Schaufenster zittern im Gewirr der winzigen Wellen. Der Springbrunnen ist stumm, vereinzelt klatschen Regentropfen aufs Wasser. Die Dämmerung naht. Plötzlich – Benjamin starrt auf die spiegelnde Oberfläche und weiß nicht, was er gesehen hat. Oder gehört, gespürt, ein Gefühl auf seiner Haut, eine unbegriffene Glückseligkeit und etwas Schreckliches, und nun ist es weg, aus ihm herausgerissen. Er atmet ein, stoßweise, als fände die Luft keinen Raum vor lauter Leere.

Ein Roman über das Ringen mit der Unsicherheit: der Erinnerungen, der Beziehungen, der Gefühle. Das Psychogramm eines Menschen in der Krise.

 

 

 

 

 

 

Interview zu Benjamin

Nach vier Thrillern jetzt ein „reiner“ Roman – wie stehen die Bücher zueinander?
In meinen Thrillern habe ich einiges an Familiengeschichte und persönlichem Wandel hineingeschrieben, vor allem in „Entfesselt“ und „Wildnis 3“. Aber sobald die Handlung spannend ist, beschleunigt der Leser und das Feinere, Kleinere fliegt einfach vorbei. Wenn der Leser Details interpretiert, dann interessieren ihn daran die Hinweise auf die Lösung: Wer ist der Mörder? Zunächst fand ich das schade, dann habe ich begriffen, dass das ein gutes Zeichen ist: Bei gelungenen Thrillern lässt sich der Leser so von der Handlung packen, dass selbst die Charaktere nur für die Handlung existieren.

Deswegen habe ich in „Benjamin“ die Handlung sozusagen abgestellt. Spazierengehen, Taxifahren, Teetrinken – mehr passiert nicht. Trotzdem kann das Buch in Atem halten: weil man in der Haut eines intelligenten Menschen steckt, der eine Krise durchlebt.

Ich war geneigt, selbst diese innere Handlung zu unterlaufen, indem ich sie ins Leere weisen lasse, also nur den Zustand der Unsicherheit schildere und die Flucht daraus als tragischen Teil dieses Zustands. Am Ende bekommt Benjamin aber mehr als eine Fata Morgana zu greifen. Das Ende mag offen wirken, man könnte fürchten, dass Benjamin die abschließende Einsicht in sein zynisches Weltbild integriert – aber gemessen an der Anlage des Buches ist es ein Befreiungsschlag, der einen Horizont der Hoffnung aufreißt.

Das Buch ist im Präsens geschrieben. Warum?
Das wollte es so. Ich habe wie gewohnt in der Vergangenheitsform begonnen, aber immer wieder rutschte ich in die Gegenwart. Nach ein paar Seiten habe ich mich gefügt, und siehe da: Es passte! Es ist authentischer, näher dran – keine abgeschlossene, runde Geschichte, sondern das Auf und Ab, wie Benjamin es durchmacht.

Diese Art des Erzählens hat sich aufgedrängt, und zugleich hat sie Herausforderungen mit sich gebracht. Insbesondere das Verstreicht von Zeit ist schwierig im Präsenz zu vermitteln. Bei „Er spazierte lange im Park“ glaubt der Leser gerne, dass eine Stunde verstrichen ist. Aber wie klingt „Er spaziert lange im Park“? Das beißt sich, da will man wissen: Was ereignet sich alles währenddessen?

Ist Benjamin ausreichend sympathisch als Protagonist?
Vereinfacht könnte man drei literarische Kategorien bilden. Nr. 1: der Held ist schön, stark und tapfer. Nr. 2: der Protagonist ist gutaussehend, kräftig und hat Schwächen, die er im Laufe der Geschichte überwindet. Benjamin ist ein Nr.-3-Protagonist: er ist zugleich anziehend (sein geistreicher Zynismus, auch der Gerechtigkeitssinn und die Hilfsbereitschaft, wenngleich beide eigenartig ausgeprägt) und abstoßend (seine sexistische Überheblichkeit, das Manipulieren). Sympathie weckt er nicht durch Stärken, sondern durch unsere Nähe zu seinem Ringen mit sich selbst, mit seinen Schwächen. Er ist mir sympathisch als einer, der im Grunde das Gute will und so an seinen Fehlern leidet, dass er sie vor sich verstecken muss. Man kann die Ängste vor dem Verlassenwerden erkennen, die er sich selbst nicht eingesteht und die ihn dazu treiben, alle durchschauen und manipulieren zu wollen.

Soll das Cover etwas aussagen?
Bei den bisherigen Covern habe ich millimetergenau vorgegeben, was ich wollte. Diesmal hatte ich keine Idee – die hatte mein neuer Designer Ruben Mühlenbruch. Insofern bin ich nicht der Urheber und darf meine Interpretation zum Besten geben: Der Name Benjamin erschließt sich nicht auf den ersten Blick, er muss entziffert werden, so wie Benjamin die Welt und sich selbst neu entschlüsselt. Benjamin nimmt sich sehr wichtig, hält sich für stark, so wie es der wuchtige Name nahelegt. Allerdings ruht der nur auf einer dünnen Stütze, dem umgekehrten Fernsehturm – die Welt steht auf dem Kopf und droht einzubrechen.

Im Buch bewundert Benjamin ein Gebrauchskunstwerk und spricht von einem erstaunlichen Effekt aus schlichten Mitteln. So geht es mir mit dem Cover!